19. Mai 2019

Ein halbes Leben für die Frauenhilfe


Nach mehr als 40 Jahren ehrenamtlicher Mitarbeit in der Evangelischen Frauenhilfe im Rheinland, davon 30 Jahre als Vorsitzende des Kreisverbandes Ottweiler, übergab Heidi Walbrodt das Zepter an ihre bisherige Stellvertreterin Petra Schmidt.

„Jetzt ist einfach der richtige Zeitpunkt gekommen, sich zurückzuziehen“, erzählt Heidi Walbrodt im gemütlich eingerichteten Wohnzimmer ihres Hauses, das sie zusammen mit Ehemann Heinz bewohnt. „ Am 18. Mai werden es 30 Jahre, dass ich den Vorsitz innehabe und in ein paar Wochen werde ich 75 Jahre alt. Jetzt ist es genug und es sollen andere das Ruder übernehmen“.

 

Walbrodt ist eine beeindruckende Erscheinung. Sie ist groß und hält sich aufrecht, sie hat Präsenz. Eine attraktive, gepflegte Frau mit gesundem Selbstbewusstsein. Im Gespräch ist sie lebhaft, zugewandt, hurmorvoll.  Der Eindruck einer patenten, zupackenden Persönlichkeit bestätigt sich sofort, als sie von der nachmittags erledigten Gartenarbeit erzählt. „Das war heute echtes  Fitnesstraining“  sagt sie und lacht, „ich habe den Rasen vertikutiert – war ganz schön anstrengend“.  

 

Die Anfänge in den 70ern

Dann erzählt sie von ihren Anfängen in den frühen Siebzigern als junge Pfarrersfrau in der damals noch selbständigen  Kirchengemeinde Scheib-Furpach, die heute als Gemeindebezirk zur Kirchengemeinde Neunkirchen gehört. 1968 übernahm der junge Pfarrer Heinz Walbrodt aus Dinslaken die Pfarrstelle in Scheib-Furpach. Heidi war in Furpach mit Mutter und Schwester aufgewachsen, die Familie war, wie sie selbst sagt, „ur-evangelisch“, und nahm aktiv am Gemeindeleben teil. Die junge Frau stand Ende der 60er bereits fest im Leben. Sie arbeitete als Vorstandssekretärin beim Neunkircher Eisenwerk und hatte schon damals ein großes Hobby, das sie bis heute pflegt: die Malerei. Ihr künstlerisches Talent  sollte sich als geradezu schicksalhaft erweisen, denn als für den Gemeindebrief ein Titelbild gebraucht wurde, bekam der junge Pfarrer den Rat, doch mal die Heidi zu fragen, die könne doch so gut malen. So lernte man sich näher kennen, 1971 wurde dann geheiratet. Mit der beruflichen Eigenständigkeit der Mittzwanzigerin war es damit vorbei. „Damals war das einfach so: Wenn man heiratete, dann hörte die Frau auf zu arbeiten“, erzählt Walbrodt, „ das wurde von der Gesellschaft erwartet. Und von der Pfarrersfrau wurde zudem selbstverständlich erwartet, fortan den Ehemann in der Gemeindearbeit zu unterstützen und entsprechende Ehrenämter zu übernehmen.“ Die Institution der evangelische Frauenhilfe war ihr durchaus vertraut, waren doch bereits ihre Großmutter und ihre Mutter aktive Mitglieder. Nach einigen Jahren übernahm Walbrodt  die Leitung der Frauenhilfe-Gruppe in ihrer Gemeinde.  Am 18. Mai  1989 wurde sie schließlich zur Vorsitzenden des Kreisverbandes Ottweiler gewählt, der damals 3500 Mitglieder zählte. Heute sind es noch knappe 800, die sich auf 27 Ortsgruppen aufteilen. „Die alten sterben weg und junge kommen nicht nach“, resumiert Walbrodt, „die jüngere und mittlere Frauengeneration fehlt einfach“. Das sei traurig, doch könne man das durchaus auch verstehen, denn die Frauen seien heute derart belastet mit Beruf, Familie und oft noch der Pflege der Eltern, dass einfach keine Zeit mehr bliebe für eine ehrenamtliche Mitarbeit in einer Vereinigung wie z.B. der Frauenhilfe.

 

Müttergenesung war ein Schwerpunkt ihrer Arbeit

Damit kommt sie auf ihr Herzensthema zu sprechen, das ihre Arbeit stark geprägt hat: die Unterstützung von Frauen, die von ihrem extrem belastenden Alltag  nicht selten in die völlige körperliche und seelische Erschöpfung getrieben werden. Die Evangelische Frauenhilfe unterhält mit der Dünenklinik auf Spiekeroog ein Haus für Mutter-und-Kind-Kuren. „Hier finden die Frauen einen Rückzugsort, um sich zu erholen und wieder zu sich selbst zu finden“, sagt Walbrodt. Der entscheidende Unterschied zu anderen Kurkliniken liege in diesem evangelischen Haus aber darin, dass den Frauen nicht nur körperliche Entspannung und psychologische Betreuung angeboten würden, sondern ihnen durch die Beschäftigung mit dem Glauben und die ganz bewusste Hinwendung zu Gott ein dauerhafter Weg aufgezeigt werden könne, der ihrem Leben auch nach der Kur nachhaltig  Halt, Richtung, Trost und Kraft gebe. 

 

Konkrete frauenpolitische Arbeit

Wie dieses eine Beispiel schon zeigt,  ist Frauenhilfe so viel mehr als das gemütliche wöchentliche oder vierzehntägige gemeinsame Kaffetrinken im Gemeindezentrum, das dem Außenstehenden vielleicht als erste Assoziation einfallen mag (und das durchaus seinen Sinn und Zweck hat!). So planen die Frauen in den Ortsgruppen jedes Jahr mit ihren katholischen Schwestern den Gottesdienst zum Weltgebetstag der Frauen. Jedes Jahr stellt er die Lebenssituation von Frauen in einem anderen Land der Erde in den Fokus. Mit der Kollekte werden konkrete Projekte zur Stärkung und Unterstützung dieser Frauen gefördert.  Mitarbeit in der Frauenhilfe bietet unmittelbar die Möglichkeit zur gesellschaftspolitischen Einflussnahme, zur konkreten frauenpolitischen Arbeit. Heidi Walbrodt erinnert sich. Zu Beginn des Bosnienkrieges 1992 organisierte sie als Kreisverbandsvorsitzende mit ihrem Team am 17. Dezember 1992 einen Klagegottesdienst in der Christuskirche.  „Ferne Schwestern – Ihr seid uns nah“ – Unter diesem Titel wurde vor allem der Frauen im Kriegsgebiet gedacht, denen unendliches Leid, auch und nicht zuletzt durch Vergewaltigungen, angetan worden war. „Vor allem für die muslimischen Bosnierinnen war die Vergewaltigung das Schlimmste, was man sich überhaupt vorstellen konnte. Damals lebten einige aus Bosnien geflüchtete Frauen in unserer Gemeinde und eine von Ihnen, selbst Muslima, nahm mit ihren vier Kindern aktiv an diesem christlichen Gottesdienst teil. Sie hatte den Mut, ihre Geschichte zu erzählen“. Das sei trotz allen Leides auch eine schöne Erfahrung gewesen. Die Kollekte kam damals der Hilfsorganisation Cap Anamur zu Gute. Doch damit nicht genug. Als Vorsitzende des Kreisverbandes schrieb Walbrodt mit ihren Mitstreiterinnen einen Brief an den damaligen Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher, in dem eindringlich auf das Leid der Frauen in Kriegsgebieten hingewiesen und nachdrücklich die Einstufung von Vergewaltigungen als Kriegsverbrechen gefordert wurde. 78 Frauen hatten den Appell unterzeichnet.  Es kam sogar ein Antwortbrief.  2015 hat Kroatien als weltweit erstes Land ein Gesetz erlassen, das Vergewaltigung als Kriegsverbrechen einstuft. In sehr vielen Ländern der Welt, auch in Europa, ist das aber leider bis heute nicht der Fall.  

 

„Die Möglichkeit zur unmittelbaren Einflussnahme auf politische und gesellschaftliche Entwicklungen war meine größte Motivation. Die Arbeit in der Frauenhilfe hat mir immer viel Spaß gemacht. Es waren sehr schöne und erfüllte Jahre“, sagt Walbrodt. Ein wenig Angst habe sie schon, dass ihr ohne diese Aufgabe jetzt ein wenig langweilig werden könnte, dass sie sich vielleicht zu sehr zurückziehen könnte. Doch wer sie kennt, hat in  dieser Hinsicht weit weniger Bedenken als sie selbst. Leerlauf, Rückzug und Abkapselung – das ist nichts für Heidi Walbrodt.





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